Artikel



Ich bin ein Radikaler: Ich bete


Menschen seien nicht mehr dauerhaft für die Kirche und den Glauben zu begeistern – heißt es. Sie kämen zu einzelnen kirchlichen Veranstaltungen, an denen sie Interesse hätten, und dann kämen sie nicht mehr. Das sei eben so. Darauf müsse man sich einstellen und mit weniger zufrieden sein.

Ich glaube, die Situationsbeschreibung ist korrekt, doch mit der Reaktion darauf – sollte ich sie richtig deuten, und vieles spricht meiner Ansicht nach dafür – kann und mag ich nicht einverstanden sein. Gut besuchte Kirchen- und Katholikentage sind schön, mir aber zu wenig. Volle Kirchen an Weihnachten sind schön, mir aber zu wenig. Mit dieser selbst auferlegten Bescheidenheit kann ich nichts anfangen. Ich weiß: Erwartungen herunterzuschrauben, schützt vor Enttäuschung, doch ich bin lieber ständig enttäuscht, als zu wenig zu erwarten. Und versuche den Frust in Energie umzuwandeln im Vertrauen darauf, dass Gott seinen Segen geben wird – auch wenn davon momentan vielleicht wenig zu sehen ist.

Dabei geht es mir nicht um die großen Zahlen, sondern um die Kontinuität des Glaubens. Glauben ist Beziehung, und Beziehung braucht Kontinuität. Ich weiß natürlich nur wenig über das tägliche Glaubensleben derer, die selten zur Kirche kommen. Ich kann nur über mich selbst sprechen:

Ich bin nahezu dreißig Jahre verheiratet, und in diesen dreißig Jahren hat es keinen Tag gegeben, an dem ich nicht mit meiner Frau gesprochen habe, und sei es nur per Telefon. Anders kann ich es mir auch nicht vorstellen. Und in den vielleicht letzten 35 Jahren hat es keinen Tag gegeben, an dem ich nicht zu Gott gebetet, mit Gott gesprochen habe – und ich kann es mir nicht anders vorstellen. Beziehung braucht Kontinuität.

Davon bin ich fest überzeugt: Glaube „funktioniert“ nicht als Event, zu glauben ist mehr als die Teilnahme an punktuellen Veranstaltungen. Und ich möchte, dass die kirchliche Verkündigung darauf wieder einen größeren Fokus legt. Immer und immer wieder zum täglichen Gebet einladen, immer und immer wieder davon sprechen, was es für ein Geschenk ist, sich Gott in jeder Lebenslage anvertrauen zu dürfen und zu können. Zu glauben hat viele Facetten: tätige Nächstenliebe, den Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung und vieles mehr. All das ist wichtig. Doch für mich bedeutet zu glauben im Kern, fundamental, und dann bin ich gerne Fundamentalist: die persönliche Beziehung zu Gott. Und die braucht Kontinuität, Zeit, Aufmerksamkeit. Die Wurzel meines Glaubens ist das Gebet. Wurzel heißt auf Lateinisch „radix“, davon leitet sich das Wort „radikal“ ab. Ja, ich bin ein Radikaler: Ich bete.

Michael Tillmann