Gebetszeit / An(ge)dacht



Gott liebt uns – trotzdem

 

Stellen Sie sich bitte einmal folgende Situation vor: Ein Student bekommt eine gute Note, bevor er seine Hausarbeit überhaupt abgegeben hat. Das geht doch nicht, mögen Sie vielleicht denken. Das ermuntert lediglich zur Bequemlichkeit. Oder: Sie bekommen Ihr Gehalt, bevor Sie auch nur einen Handschlag getan haben. Ich nehme an, die gleiche Reaktion. Oder würden Sie einer Baufirma die gesamte Summe für das geplante Haus überweisen, bevor auch nur die Baugrube ausgehoben und ein Ziegel gesetzt wurde. Wohl kaum. Und ein letztes Beispiel: Sie bekommen einen hohen Kredit, obwohl Sie keinerlei Sicherheit vorzuweisen haben. Was halten Sie von einem solchen Kreditgeber?

Genauso ist Gott. Naiv wie der Lehrer, der ohne Gegenleistung eine gute Note gibt; wie der Arbeitgeber, der ohne Gegenleistung Gehalt auszahlt. Er riskiert es, von uns übers Ohr gehauen zu werden, wie ein Bauherr, der die Firma vor dem ersten Spatenstich bezahlt. Denn so sagt es Paulus im Römerbrief (5,8): „Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“

Ich glaube, wir lesen schnell über das Ungeheuerliche hinweg, was der Apostel Paulus sagt: Das Wagnis, das Gott mit uns Menschen eingegangen ist – und immer wieder neu eingeht. Dass wir seine Liebe unbeantwortet lassen – selbst die Liebe, die uns Gott in Jesus Christus am Kreuz erwiesen hat. Gott riskiert es, in seiner Liebe tragisch zu scheitern. Denn Gottes Liebe ist bedingungslos. Obwohl sich die Menschen immer und immer wieder von ihm abgewendet haben, erwartet er keine Vorleistung. Es heißt bei ihm nicht: „Wenn die Menschen gerecht geworden sind, wenn sie sich mir zugewandt haben, dann werde ich sie erlösen.“ Seine Liebe kennt kein Wenn und Aber. Kann ich das glauben, obwohl unser menschliches Miteinander oft so ganz anders ist, auch die Liebe an Bedingungen geknüpft wird oder enttäuschte Liebe sich abwendet? Und wenn ich es glauben kann, was bedeutet das für mein Leben?

Zunächst einmal, dass ich mich so akzeptieren kann, wie ich bin. Wenn Christus die Menschen so liebt, dass er für sie stirbt, als sie noch Sünder waren, brauche ich mich selbst nicht zu verurteilen – und darf auch keinen anderen verurteilen. Denn das ist das Zweite: Dass ich mir Gottes Liebe zum Vorbild nehme – unerreichbares Vorbild, aber deshalb nicht weniger Orientierung. Dass meine Wenns und meine Abers, die so oft der Liebe im Weg stehen, kleiner werden. Weil Gott mich so sehr liebt, kann es mir doch leichter fallen, auch zu lieben. Weil Gott am Kreuz seine Liebe erleidet, kann ich doch auch lieben, wo es schmerzlich ist für mich.

 

von Michael Tillmann