Evangelium 

 

Mt 13,1-23


Bild: © Helmut Strunz


+ Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus.

 

1 An jenem Tag verließ Jesus das Haus und setzte sich an das Ufer des Sees.

2 Da versammelte sich eine große Menschenmenge um ihn. Er stieg deshalb in ein Boot und setzte sich. Und alle Menschen standen am Ufer.

3 Und er sprach lange zu ihnen in Gleichnissen. Er sagte: Siehe, ein Sämann ging hinaus, um zu säen.

4 Als er säte, fiel ein Teil auf den Weg und die Vögel kamen und fraßen es.

5 Ein anderer Teil fiel auf felsigen Boden, wo es nur wenig Erde gab, und ging sofort auf, weil das Erdreich nicht tief war;

6 als aber die Sonne hochstieg, wurde die Saat versengt und verdorrte, weil sie keine Wurzeln hatte. 7 Wieder ein anderer Teil fiel in die Dornen und die Dornen wuchsen und erstickten die Saat.

8 Ein anderer Teil aber fiel auf guten Boden und brachte Frucht, teils hundertfach, teils sechzigfach, teils dreißigfach.

9 Wer Ohren hat, der höre!

10 Da traten die Jünger zu ihm und sagten: Warum redest du zu ihnen in Gleichnissen?

11 Er antwortete ihnen: Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Himmelreichs zu verstehen; ihnen aber ist es nicht gegeben.

12 Denn wer hat, dem wird gegeben und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat.

13 Deshalb rede ich zu ihnen in Gleichnissen, weil sie sehen und doch nicht sehen und hören und doch nicht hören und nicht verstehen.

14 An ihnen erfüllt sich das Prophetenwort Jesájas: Hören sollt ihr, hören und doch nicht verstehen; sehen sollt ihr, sehen und doch nicht einsehen.

15 Denn das Herz dieses Volkes ist hart geworden. Mit ihren Ohren hören sie schwer und ihre Augen verschließen sie, damit sie mit ihren Augen nicht sehen und mit ihren Ohren nicht hören und mit ihrem Herzen nicht zur Einsicht kommen und sich bekehren und ich sie heile.

16 Eure Augen aber sind selig, weil sie sehen, und eure Ohren, weil sie hören.

17 Denn, amen, ich sage euch: Viele Propheten und Gerechte haben sich danach gesehnt zu sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, und zu hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört.

18 Ihr also, hört, was das Gleichnis vom Sämann bedeutet.

19 Zu jedem Menschen, der das Wort vom Reich hört und es nicht versteht, kommt der Böse und nimmt weg, was diesem Menschen ins Herz gesät wurde; bei diesem ist der Samen auf den Weg gefallen.

20 Auf felsigen Boden ist der Samen bei dem gefallen, der das Wort hört und sofort freudig aufnimmt;

21 er hat aber keine Wurzeln, sondern ist unbeständig; sobald er um des Wortes willen bedrängt oder verfolgt wird, kommt er sofort zu Fall. 22 In die Dornen ist der Samen bei dem gefallen, der das Wort hört, und die Sorgen dieser Welt und der trügerische Reichtum ersticken es und es bleibt ohne Frucht.

23 Auf guten Boden ist der Samen bei dem gesät, der das Wort hört und es auch versteht; er bringt Frucht – hundertfach oder sechzigfach oder dreißigfach.


Eintritt frei!

Bild: Michael Bogedain In: Pfarrbriefservice.de



Textauslegung

Mt 13,1-23


Das Bild am Anfang der Jesus-Rede in Mt 13 ist eine alltägliche Erfahrung in der Landwirtschaft. Wir modernen Menschen meinen oft zunächst, dass der Sämann sehr ungeschickt handelt, denn wir denken an die deutlich abgegrenzten Felder unserer Landschaft. Da passiert es kaum, dass der Samen auf den Weg fällt. In der Welt von Jesus ist es normal: Der Acker war auf der dünnen Erdkrume im felsigen Land. Immer wieder kommen irgendwo Steine und Felsen hervor, ohne dass man es beim Säen erkennt. Auch die Wege gehen einfach dort, wo Platz ist, ohne eine Abgrenzung. Jesus nimmt sein Bild aus der alltäglichen Erfahrungswelt. Der unterschiedliche Ertrag (30-fach, 60-fach, 100-fach) auf dem guten Boden kann mit dem Phänomen der Bestockung erklärt werden. Aus einem Samen kann nicht nur ein Halm (das ergab ca. 30 Körner), sondern es können auch mehrere wachsen. Dann bringt ein Korn den 100-fachen Ertrag.

Anders als bei anderen Gleichnissen erzählt Jesus hier ohne eine einleitende Bemerkung, wo der Vergleichspunkt liegen soll. Sonst heißt es oft: „Mit dem Himmelreich/Reich Gottes ist es wie …“ Hier nicht. Jesus erzählt das Bild, ohne einen solchen Hinweis. Nur aus dem Zusammenhang der ganzen Gleichnisrede ist zu erschließen, dass es zunächst um Aspekte des „Himmelreichs“ geht (Mt 13,11.24.31.44.47): um Gottes Wirken in der Welt. Obwohl sich die Misserfolge breit zu machen scheinen – sie nehmen in der Erzählung immerhin drei Viertel des Textes ein! –, kommt es doch wider Erwarten zu großem Erfolg! Hier und im Gleichnis vom Senfkorn, Mt 13,31-32, wendet sich Jesus gegen eine sich angesichts von sichtbarer Wirkungslosigkeit breit machende Resignation mit der Überzeugung, es gebe dennoch reichen Ertrag. Eine weitere Verstehenshilfe eröffnet der Weckruf am Schluss des Gleichnisses: „Wer Ohren hat, der höre!“ Hat das Bild des Sämanns etwas mit dem Hören zu tun?

Diese Frage wird tatsächlich in der Zwischenreflexion aufgenommen. Es geht um das Hören auf das, was Gott durch Jesus sagt. Dabei steht die Beobachtung im Hintergrund, dass die Worte Jesu zwar sehr viele hören, doch nur einige sie beachten. Warum ist das so? Es ist ja das Wort Gottes, warum bewirkt es nicht bei allen etwas?

Das war schon das Problem des Propheten Jesaja, der von Jesus ausführlich zitiert wird (Jes 6,9-10). Die Botschaft des Propheten kommt nicht an. Obwohl er das Wort Gottes verkündet, achten die Menschen nicht darauf. Wie kann das sein? Ist das Wort Gottes so schwach, dass es einfach nichts bewirkt? Das darf und kann nicht sein. Und um Gott und sein Wort zu entlasten, Gott und seinem Wort ihre Stärke und Kraft zu lassen, wird das Nichtverstehen bei Jesaja der Herzenshärte des Volks zugeschrieben (in V. 15 zitiert). Bei Jesaja hat Gott selbst das so „vorgesehen“, dass nicht alle hören. Denn anders könnte man die kommende Katastrophe nicht als heilvolle Wende begreifen.

 

Jesus erklärt hier in Mt 13 auf dieselbe Weise das Phänomen, dass er mit seiner Botschaft auf Ablehnung stößt. Es ist gleichsam von Gott vorgesehen, dass nicht alle der ursprünglichen Adressaten hören und verstehen. So kann sich das Wort Gottes neue Wege und neue Menschen suchen. Hilfreich ist es zu wissen, dass mit einer solchen „Erklärung“ wohl die Matthäusgemeinde zu verstehen versucht, warum manche die Botschaft Jesu annehmen und andere nicht, obwohl sie beide sie hören und zum Umdenken bewegt werden sollen („sich bekehre“, V. 15). Es handelt sich um prophetische, herausfordernde Sprache, die das Gegenteil von dem sagt, was gemeint ist, um wachzurütteln und zum Aufhorchen zu bringen: Die Angesprochenen sollen gerade zur Einsicht kommen und so von Gott geheilt werden (V. 15). Da wir heutigen Menschen eine solche Sprechweise nicht mehr anwenden, ist dem Missverständnis Tür und Tor geöffnet, dass Gott willkürlich die einen erwähle und andere verwerfe. Leider ist diese Textstelle so zum Einfallstor für Antisemitismus geworden.

 

Im dritten Teil des Evangeliums deutet Jesus das Gleichnis. Zug um Zug – das ist die alte Methode der allegorischen Auslegung: Bilder bzw. Einzelzüge des Gleichnisses werden auf eine andere Sache angewandt: hier das Wort Gottes. Es geht um das Aussäen des Wortes Gottes und um unterschiedliche Menschen, die es unterschiedlich aufnehmen. Damit wird das Phänomen „erklärt“ bzw. von der Matthäusgemeinde gedeutet, dass Jesu Botschaft nicht von allen aufgenommen wird. So bleibt die Freiheit des Menschen gewahrt, auf Gott in freier Entscheidung zu reagieren.

 

 

Dr. Winfried Bader


Text mit freundlicher Genehmigung von "Das Bibelwerk - Katholisches Bibelwerk e.V." (https://www.bibelwerk.de/verein/)